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Bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen

Wir fordern:

  • Wertschätzung und Anerkennung für die Beschäftigten
  • Attraktivere Arbeitsbedingungen und tarifliche Bezahlung
  • Investition in gut ausgebildete Fachkräfte
  • Pflege braucht Nachwuchs, auch Männer sind gezielt anzusprechen

Humanzentrierte Arbeitsgestaltung statt prekärer Perspektive

Zentrale Kernthesen vorweg:

1.       Mehr Wertschätzung für beruflich Pflegende ist dringend notwendig. Wertschätzung darf jedoch nicht zum berufspolitischen Fluchtpunkt und zum Ersatz für ein Engagement um bessere Arbeitsbedingungen auf betrieblicher Ebene werden.

2.       Berufliche Pflege ist nicht gleich berufliche Pflege – Unterschiede zwischen Berufsfeldern sowie Qualifikationsstufen müssen stärker berücksichtigt werden. Berufliche Pflege in der Altenhilfe zeichnet sich durch besondere Rahmenbedingungen, Risiken und Gestaltungsherausforderungen aus. Trotz Fachkräftemangels droht ihr eine Abwärtsspirale bei Einkommen und Arbeitsbedingungen.

3.       Berufliche Pflege bietet Perspektiven, ist für viele Beschäftigte sinnstiftend und durch ihr hohes Engagement geprägt. Durch einseitige Zuschreibungen wie „Prekarisierung“ oder „Deprofessionalisierung“ und eine skandalisierende Medienberichterstattung geraten Motivation der Beschäftigten und positive Facetten der Arbeit in den Hintergrund. Dies wird den Beschäftigten nicht gerecht und verzerrt den Blick für Gestaltungsherausforderungen und -optionen.

 

Die Basis: Wohlfahrts-, Leistungs-, Berufe- und Qualifikationsmix

Die institutionelle Basis beruflicher Pflege ist in Deutschland ein Träger- und Wohlfahrtsmix: Freigemeinnützige, private und öffentliche Träger erbringen häusliche, stationäre oder teilstationäre Pflegeleistungen. Von den rund 12.300 ambulanten Pflegediensten in Deutschland entfallen derzeit rund 62% auf private Anbieter, 37% auf freigemeinnützige sowie lediglich 1% auf öffentliche Anbieter. Ein wenig anders stellt sich die Trägerstruktur in der stationären und teilstationären Altenhilfe dar: Von den rund 12.400 Pflegeheimen sind derzeit 55% in freigemeinnütziger, 40% in privater und 5% in öffentlicher Trägerschaft. In ambulanten Pflegeinrichtungen sind 221.000 beruflich Pflegende (2/3 Fachkräfte), in Pflegeheimen rund 435.000 beruflich Pflegende (ca. 1 /2 Fachkräfte) tätig.

Berufliche Pflege integriert unterschiedliche Berufe und Qualifikationsniveaus: Hierzu zählen der Beruf „Altenpflege“ ebenso, wie die „Gesundheits- und Krankenpflege“, staatlich anerkannte „Altenpflege-/Gesundheits- und Krankenpflegehelfer“ oder „Helfer in der Altenpflege“. Neben dreijährigen Ausbildungsgängen qualifizieren auch Studium, zweijährige, einjährige oder kürzere Qualifizierungen zur Arbeit in der Pflege. Berufliche Pflege hat eine wichtige Scharnierfunktion – zu anderen Gesundheitsfachberufen, zu pflegenden Angehörigen sowie zur ehrenamtlichen Arbeit.    

Hohe Entwicklungsdynamik mit ambivalenten Perspektiven

Berufliche Pflege im Geltungsbereich des SGB XI durchläuft seit vielen Jahren einen dynamischen Entwicklungsprozess, der sich in veränderten Anbieter- und Trägerstrukturen, neuen Organisationsformen, neuen kooperierenden Berufen und Kompetenzprofilen (z.B. „Betreuungsassistenten/Demenzbegleiter“ nach § 87b Abs. 3 SGB XI) äußert. Der Bedeutungsgewinn privater Anbieter im Pflegemarkt spielt ebenso eine Rolle wie eine zunehmende Marktkonzentration sowie eine Markterschließung durch internationale Pflegekonzerne. Zudem haben neue Organisationsformen für Pflegeleistungen in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, z.B. Betreutes Wohnen in räumlicher/organisatorischer Kombination mit Pflegeheimen oder ambulanten Pflegediensten oder sog. Demenz-Wohngemeinschaften. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf Alltagskultur, Teilhabe und Ge­meinschaft trotz Pflegebedürftigkeit zielen. Nicht nur die institutionelle Basis, sondern auch die Finanzierung von Pflegeleistungen und Pflegearbeit unterliegt erheblichen Umbrüchen. Anbieter konkurrieren vor Ort teils ruinös um Preise, und Insolvenzen im Pflegemarkt sind keine Seltenheit mehr. Der Wettbewerb führt vielerorts längst zu einer Abwärtsspirale bei Qualität, Arbeitsbedingungen und Einkommen.

Während einerseits der „Wirtschaftsfaktor Pflege“ betont wird, befürchten Kritiker eine weitere Erosion gesellschaftlicher Daseinsvorsorge. Den Fachkräfte- und Wachstumsprognosen wird eine weitere „Ökonomisierung“ und „Vermarktlichung“ beruflicher Pflege und Pflegeleistungen gegenübergestellt, statt „Jobmotor“ wird die „Krise der Arbeit“ diagnostiziert. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung über Ursachen wird – neben der allgemeinen Ressourcenknappheit ­–  mal ein staatliches Steuerungsdefizit, mal ein Organisations- und Managementversagen auf betrieblicher Ebene betont.

Unstrittig ist, dass berufliche Pflege in ein sich dynamisch veränderndes Umfeld eingebettet ist, durch dieses beeinflusst wird und hier selbst neue Impulse setzen kann – mit neuen Perspektiven und Risiken gleichermaßen.

Arbeitswelt Pflege -  Besser als ihr Ruf, aber mit vielen Widersprüchen!

·         Berufliche Pflege ist weiblich dominierte Erwerbsarbeit, rund 85% der Beschäftigten sind Frauen. In der ambulanten Altenhilfe ist die Mehrheit der Beschäftigten (70%) in Teilzeitarbeit tätig, wobei in den letzten Jahren starke Anstiege sowohl in der Teilzeit- als auch in der Vollzeitbeschäftigung zu beobachten waren. In der stationären Pflege arbeiten rund 1/3 der Beschäftigten in Vollzeit, 2/3 in Teilzeit. Hier ist der Zuwachs an Teilzeitbeschäftigten insbesondere auf einen Zuwachs im Bereich reduzierter Vollzeittätigkeit zurückzuführen. Im Vergleich, z.B. zur beruflichen Pflege im Krankenhaus, ist die befristete Beschäftigung im Berufsfeld „Altenpfleger/-in“ häufiger. Besonders betroffen sind die Helferqualifikationen.

·         Pflege in der Altenhilfe ist mit Blick auf ihre Einkommenssituation sicherlich nicht auf Rosen gebettet, allerdings auch nicht so schlecht, wie vielfach angenommen. Problematisch ist hingegen, dass rund 60% der Betriebe und 37% der Beschäftigten derzeit keinem Tarifabschluss oder Arbeitsvertragsrichtlinie (AVR bei kirchlichen Trägern) unterliegen. Auf Ebene ausgewählter Berufe zeigt sich, dass die Pflegeberufe der Altenhilfe sich gegenüber den Pflegeberufen im Krankenhaussektor durch eine deutlich geringere Tarifbindung auszeichnen. Im Vergleich mit anderen Gesundheitsberufen realisierte die Altenhilfe in den vergangenen Jahren deutlich niedrigere Lohnzuwächse.

·         Der Gender Pay Gap zeigt sich auch in dem Frauenberuf Pflege: So verdienen Frauen in der Berufsgruppe „Sozialarbeiter und -pfleger“ rund 17,4% weniger als ihre männlichen Kollegen, Tendenz steigend. Insgesamt fallen die geschlechtsspezifischen Lohndifferenzen im Vergleich mit der Gesamtwirtschaft jedoch geringer aus.

·         Die Beschäftigungssituation beruflich Pflegender ist nicht per se prekär, sondern muss vor dem Hintergrund der individuellen Lebenssituation bewertet werden. Berufsbiographische Risiken entstehen vor allem aus der Kombination niedriger Qualifikationen, reduzierten Arbeitszeiten und einem Lohngefüge, das auch bei Fort- und Weiterbildung nur unzureichende Einkommenszuwächse ermöglicht. 

·         Arbeitsprozesse, die der Fachlichkeit nicht gerecht werden und Unsicherheiten darüber, wie der Qualifikationsmix auf betrieblicher Ebene sinnvoll gestaltet werden kann, befördern Sorgen um eine Deprofessionalisierung beruflich Pflegender. Insbesondere Helferqualifikationen und niedrigschwellige Berufseinstiege stehen mit Blick auf ihre Fachlichkeit immer mal wieder zur Disposition. Niedrigschwellige Qualifikationen können jedoch wichtige Einstiege in das Berufsfeld eröffnen. Voraussetzung ist jedoch, dass (arbeitsplatznahe) Anschlussqualifizierungen möglich sind, die sich für Beschäftigte wie Betriebe gleichermaßen lohnen. Akademische Qualifikationen sind derzeit primär in Leitungsfunktionen vorhanden, vielfach fokussiert auf Krankenhäuser. Unklar ist, wie akademisch qualifizierte Pflegende zur Weiterentwicklung der Altenhilfe konkret beitragen können.

Vorliegende Forschungsarbeiten konstatieren für die berufliche Pflege im internationalen Vergleich eine hohe Arbeitsbelastung und unzureichende Arbeitsbedingungen. Prozessanforderungen statt personenbezogene Bedürfnisse bestimmen vielfach die Arbeit. Wertschätzung sollte ihren normativen Bezugspunkt vor allem in der Fachlichkeit beruflich Pflegender haben. Entscheidend ist, die Beschäftigten, ihre Interessenvertretungen, Träger, Betriebe und Politik in einen Modernisierungsdialog zu bringen, sie auf gemeinsame Wege zu verständigen und konkrete Anregungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu geben, damit berufliche Pflege im Diskurs um die „Zukunft der Arbeit“ nicht abgehängt wird und Wege zu einer humanzentrierten Arbeitsgestaltung erfahrbar werden.


Michaela Evans, Dipl. Soz. Wiss., Projektgruppenleiterin „Arbeit und Qualifizierung“ am Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, Bocholt, Recklinghausen.


Christoph Bräutigam, Pflegewissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, Bocholt, Recklinghausen.